Der nutzlose Baum

Er schaute aus dem Fenster des Kaffees in der Buchhandlung. Unten sah er die Fußgängerzone. Hier wollte er die Zeit vertreiben. Obwohl das nicht mehr so einfach ging. Bücher hatte er dabei. Das gehörte sich einfach so.
„Hallo“, hörte er eine weibliche Stimme. Er schaute auf. Die Servicekraft hatte ein weibliches Geschlecht. Ihr Lächeln gab die Oberzahnreihe frei. Am linken Ohrläppchen hing ein tropfenförmiges Ding.
„Einen Capucchino“, bestellte er wie immer. Das Lächeln schaltete sich ab. Sie drehte sich um. Seine Augen folgten ihrem Gang zurück zum Tresen. Ihr Arsch zeichnete sich deutlich am Rock ab. Mit höheren Absätzen würde das Fahrgestell viel besser hin und her schwingen. Vielleicht hätte ihn das angemacht. Gemacht hätte er zwar auch nicht mehr als nachgestarrt. Aber das fühlte sich damals besser an.

Sein Blick ging hinunter auf die Fußgängerzone. Die Aussicht genoss er nicht. Zwei Kinder liefen zu dem Brunnen gegenüber und spritzten mit dem Wasser. Die Mutter rief sie zurück. Drei Mädchen flanierten vor vier jungen Männern. Das waren wie zwei Camps. Ein Mann im Anzug lief von der Bank gegenüber schnell in das Bürohaus neben der Buchhandlung. Tauben pickten an der weggeworfenen Mc Donaldstüte herum.
Die Servicekraft hinter dem Tresen machte sich an dem Automaten zu schaffen.

Über der Bank gegenüber hatte ein Massagesalon aufgemacht. Jedenfalls behauptete das der Ständer vor dem Eingang und dem Banner am Fenster. „Mai Li -- Massagen“ stand auf dem Banner. Bei einer Thai Massage werden die Gliedmassen verknotet. Die Thainutte von vor ganz langer Zeit war 1,65 Meter groß. Sie hatte richtig volle Titten. Das mit der Massage wollte er doch immer mal ausprobiert haben. Das hatte etwas medizinisches. Wann war eigentlich die nächste Zahnreinigung fällig? Im Haus nebenan wurde das angeboten. Vielleicht war das ein sinnvoller Zeitvertreib. Seine Zunge strich über die Innenseite seiner Unterkieferzähne. Der Automat zischte vor sich hin.
Die Servicekraft würde bald sein Heißgetränk liefern.

Er widmete sich dem Stapel Bücher. Wahllos hatte er sie gegriffen. Bis der Capucchino gebracht wurde, hatte er drei Bücher  durch geblättert und weggelegt. Warum hatte er dieses komische, weiße Buch mit der chinesischen Zeichnung gegriffen?

Auf einmal stand der Capucchino auf seinem Tisch. Er war heiß. Das Buch zeigte wenig Text. Auf englisch standen dort Zeilen in nicht-Gedichtform. Ein Reim war nicht zu erkennen. Leise las er den Text vor. Nein, sie reimten sich nicht.

Warum sollte er so etwas lesen? Vorne zeigte das Buch zwei chinesische Figuren, die sich etwas zu erzählen schienen. Es war ein Buch von 1967. Ein Thomas Merton hatte es verfasst. Im ersten Kapitel  ging um einen nutzlosen Baum. Ein Hui Tze sagte die Lehren des Dschuang Tze so nutzlos, wie dieser Baum. Dieser hielt dagegen. Unter dem Text war mit schwarzer Tusche ein knotiger Baum gemahlt. In der Technik kamen die Knoten und Krümmungen des Holzes gut zur Darstellung. „Sei Du lieber vorsichtig“, schloss das Kapitel. Ja, genau! Instinktiv gab er dem Argumentierer Recht. Das war doch klar. Ein Baum der nutzlos ist, wird doch gar nicht abgeschnitten. Unveränderbar steht er da. Über die Jahrhunderte wird seine Philosophie nicht geändert. Seine instinktive Zustimmung musste er überprüfen. Hatte er etwas mißverstanden?
Seine Augen gingen zum Fenster hinaus.

Eiskalt war der nächste Schluck Capucchino. Ein Blick auf die Uhr und seine Mittagspause war schon lange um.

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