Drei Freunde

Die Kapelle war voll. Immerhin war der Tote Teil der guten Gesellschaft. Pater Johannes erinnerte in der Trauerpredigt an die Lebensleistung des Verschiedenen. So war das immer am besten. Alle Anwesenden konnten sich an einen Abschnitt im Leben erinnern und auch untereinander sich kennenlernen und einsortieren. Die kannten sich ja gar nicht alle untereinander. Später im Kaffee beim Leichenschmaus sollte die Gesellschaft plaudern können.

Zum Schluß kam dann der fromme Teil mit der Wiederauferstehung und so weiter.

Der Sarg blieb stehen. Die Hinterbliebenen wollten die Grabpflege optimieren und hatte eine Einäscherung bestellt. Die Trauernden sollten, jeder wie er mochte, in der Kapelle Abschied nehmen.

Auf diesen Teil hatte sich Pater Johannes gefreut. Es gab Trauergäste, die wegen ihrer Trauer gekommen waren. Dann gab es solche, die zur Familie gehörten und mit mussten, weil sich das so gehörte. Egal, wie sicher sie nach vorne kamen, beim Anblick des Sarges wurden sich alle ihrer Endlichkeit bewusst und wurden zu Lämmern, die wussten, dass auch sie irgendwann dran waren. Ihre Augen wurden nass, ihre Lippen zitterten. Wer würde ihn später um seinen Trost bitten? Das konnte, je nach Verlauf der Tröstung, zu etwas führen, das er gerne bei seiner nächsten Beichte weitergab. 

Zwei Gestalten gingen beschwingt zum Sarg. Er war gespannt, was nun wohl kam. Die beiden lächelten ihren Schmerz weg. Einer holte einen Flachmann aus der Jacke, öffnete ihn, sagte: "Auf Dich, Du bist, wie immer der erste, der es geschafft hat" und nahm einen Schluck. Sein Kumpan, ein muskulöser Mann mit genau der richtigen Statur, nahm auch einen Schluck und setzte noch einen drauf mit: "Halt uns einen Platz am Tisch frei. Wir kommen dann nach". Die beiden lachten sich zu und gingen zu den Lämmern.

Saufkumpane! Schoss ihm durch den Kopf. Konnten die nicht zu Haus bleiben? Die störten doch nur.

Beim Leichenschmaus saßen die beiden am Nachbartisch. Er selbst saß bei der Familie des Toten. Es gab drei kleine Gänge. Zunächst eine Art „Gruß aus der Küche“, der schnell weg war. Danach kam Linseneintopf. Das war das Lieblingsgericht des Verstorbenen. Er wollte sich nicht beklagen. Der Wein war gut und reichlich. Die Stimmung hob sich ein wenig. Nach dem Dessert, das waren „süsse Stückchen“, gingen die ersten Gäste. Bald konnte er auf die Jagd gehen.

Wenig später erhob er sich. Es war nun die Zeit sich um zusehen. Am Nachbartisch waren die Reihen schon gelichtet. Der Muskelmann grinste ihn frech an und wich seinem Blick nicht aus. Da konnte er nicht anders und musste sich dazu setzen.

„Wie standen Sie eigentlich zu dem Verstorbenen?“, platzte aus ihm heraus.
„Ja, wie war das eigentlich, Andi?“, wurde die Frage weitergegeben.
„Zufall. Oder Vorsehung.“
„Oder so.“ stimmte der Muskelmann lachend zu.

Was sollte er nun davon halten? Sie lallten nicht. Es gab keine Weingläser an dem Tisch. Nach Schnaps rochen sie nicht. Was haben die eingeworfen?

„Das ist hier eine Beerdigung. Wir ...“, setzte er an und hob seine Hand.
„Ja. Entschuldigen Sie.“, der Muskelmann legte seine Hand auf die seine und schaute ihm direkt in die Augen. Seine Augen waren leicht grünlich. „Sie kennen ja unsere Liturgie nicht. Ist doch so etwas, was wir da machen, nicht wahr?“, wandte er sich zu diesem Andi.
„Liturgie ist gut. Genau das haben wir ja immer gemacht. Andi nickte und bekräftigte: „Ja! Das ist es. Wir haben so etwas wie eine Liturgie gemacht."
„Bitte?“ Machten die sich über ihn lustig?
„Was soll das sonst sein. Jeden Mittwoch, seit bestimmt zwanzig Jahren, treffen wir uns bei Wein und Brot. Unterhalten uns über Leben und Tot und warum das Alles. Wir enden immer in Spekulationen, wie es wohl weitergeht“
„Es fing alles damit an, dass der Klaus damals sagte, dass, wenn jeder von uns denken würde, er wäre nur so ein Zufallsprodukt und verloren in Raum und Zeit, dann könnten wir uns gar nicht vertrauen. Da wir uns aber vertrauen, könnten wir das gar nicht glauben. Dann könnten wir darüber auch spekulieren.“
„Das haben wir dann ritualisiert. Als er dann abbaute, haben wir für ihn mitgetrunken.“
„Bis zum Schluss.“

Sie wurden dann doch nachdenklich, hörte er heraus und fragte nach einer Pause: „Und nun?“

Beide schauten ihn an. In ihren Augen war keine Flüssigkeit. Ihre Lippen zitterten nicht. Was nun?

„Nächsten Mittwoch dann eine Einliterflasche?“, schlug Andi vor.
„Dann sind wir wieder bei zwei viertel für jeden.“, bemerkte der Muskelmann. Er grinste und fügte an:„Der letzte trinkt dann immer zwei von den Mniflaschen.“
„Genau“, lachte erst dieser Andi, dann dieser schöne Muskelmann. Pater Johannes lachte nicht.


Kommentare

  1. Sehr eindrucksvolle Geschichte .das Sterben und der Abschied, so unterschiedlich wie das Leben des Menschen war .und dich für Jeden etwas Einzigartiges...🥀

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